Balut-Eier: Kulturgut oder grausige Delikatesse?

BE-F-Nr062

Kulturkreise und damit Essgewohnheiten unterscheiden sich mitunter beträchtlich. Deutlich wird dies vor allem, wenn man vorherrschende Genüsse in Europa und Asien vergleicht. Zu den beliebten Snacks, die auf den Straßenmärkten Südostasiens verkauft und seit einiger Zeit auch in Restaurants angeboten werden, zählt eine „Delikatesse“, gegen die sich unser moralisches Empfinden besonders sträubt: die Balut – angebrütete Enteneier mit Embryos. Die „Balut“-Rufe der Straßenhändler gehören zum allabendlichen Stadtbild und den Märkten vieler Städte auf den Philippinen, in Vietnam, Kambodscha, auch in China. In Restaurants werden die Eier zu aufwändigeren Speisen verarbeitet – und auch in Deutschland wird die „Delikatesse“ angeboten.

Eigens für die Produktion von Balut gezüchtet, werden gerade auf den Philippinen Millionen von Enten für den viel gefragten Nachschub gehalten. Die frisch gelegten Enteneier werden dem Muttertier abgenommen, welches so zum Legen weiterer Eier animiert wird. In Brutautomaten oder warmem Sand werden die Eier bei einer Temperatur von 42℃ (der Körpertemperatur der Mutterente) weiter bebrütet, bis sie schließlich im Alter von etwa 14 Tagen als verzehrfertig gelten. Zu diesem Zeitpunkt ist der Embryo schon deutlich zu erkennen, Augen, Schnabel und Federn gut zu sehen. Die Knochen und der Schnabel sind jedoch noch sehr weich. Je länger das Balut-Ei vor dem Verzehr bebrütet wird, desto mehr entwickelt sich der Embryo und bildet Knochen und Schnabel weiter aus, das Küken bereitet sich auf das Schlüpfen vor. Es gibt Berichte von Balut-Eiern, die am 24. Tag des Brütens zubereitet wurden – also nur sehr kurz vor dem Schlüpfen. Die Eier und mit ihnen die Embryos werden nach dem Erreichen des gewünschten Entwicklungsstadiums ca. 20 Minuten gekocht (und so getötet), anschließend warm gehalten und meist nur mit einer Prise Salz oder etwas Essig serviert, wenn sie nicht in der Gastronomie weiterverarbeitet, z.B. gebraten oder gebacken werden. Ein kleiner Teil der Eier wird roh verkauft – der Embryo wird in diesem Fall lebend gegessen. In weiten Teilen Südostasiens gelten Balut-Eier als Aphrodisiakum, eine potenzsteigernde Wirkung ist allerdings wissenschaftlich nicht nachgewiesen.

Der Verzehr von lebenden Tieren ist für uns ein Tabu, welches nur noch im Zusammenhang mit Austern außer Kraft gesetzt und auch hier weithin nicht mehr akzeptiert wird. Das Töten von ungeborenen, wachsenden Embryos, in anderem Rahmen ein umstrittenes Thema, widerstrebt den meisten von uns; das Kochen oder gar Essen von (lebenden) Embryos empfinden wir als Tierquälerei. Nicht nur aus ethischen Bedenken sollte der Handel mit Balut-Eiern unterbunden werden, auch gesundheitliche Risiken spielen eine große Rolle: Durch den Kontakt der rohen Eier mit anderen Lebensmitteln besteht eine erhöhte Gefahr von Salmonellenübertragung, die besonders für Kinder und ältere Menschen sehr gefährlich werden kann. Dennoch finden sich Balut-Eier auch in Deutschland. Durch das Tierschutzgesetz werden die ungeborenen Enten nicht geschützt, nach dem Lebensmittelrecht dürfen angebrütete Eier als Lebensmittel jedoch nicht in Umlauf gebracht werden. Dass diese Regelung keinen sicheren Schutz bietet, zeigten die Recherchen von Tierschützern. Bereits mehrfach konnten in der Vergangenheit bei verdeckten Testkäufen in Asia-Läden zum Beispiel in Hamburg und Berlin Balut-Eier erworben werden, die auf Nachfrage „unter der Ladentheke“ verkauft wurden. Im vergangenen Sommer wurde gar bekannt, dass der Betreiber eines Geflügelhofes in Niedersachsen, der bereits wegen des Lebendrupfens von Gänsen in die Kritik geraten war, im großen Stil Balut-Eier verkaufte – wie ein Insider berichtete, bis zu 1.000 Stück pro Woche. Offenbar hatte der Züchter viele Asia-Läden schwarz beliefert, nach einer Strafanzeige wegen Verstoßes gegen das Lebensmittelrecht ermittelt die Staatsanwaltschaft nun gegen den Inhaber. Vor allem Aktivisten, die für die Rechte der Tiere eintreten, erhoffen sich eine entsprechende Ergänzung des Tierschutzgesetzes und die Klärung einer rechtlichen Grauzone. Außerdem erwarten viele nun endlich den Anstoß einer Debatte, die klären soll: Wo kann und soll der Schutz tierischen Lebens beginnen, wo wird er eingeschränkt und wie ist eine solche Einschränkung mit dem Tierschutzgesetz vereinbar?

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